Der wahre Zweck des agilen Schätzens

In meinem agilen Arbeitsleben gibt es drei Konstanten, die ich bei jedem Kunden antreffe. Eines davon geht um das Schätzen von Backlog Items. Allerdings ist es nicht direkt das Schätzen. Es ist die Diskussion darüber, wie man nun richtig schätzt. Und wozu?

Gib mir 5 Minuten deiner Zeit und du erfährst

  • den wahren Zweck des Schätzens
  • was genau geschätzt wird und
  • wie du es deinem Team beibringen kannst.

Los gehts!

Welchen Zweck erfüllt das User Story-Schätzen?

Wenn ich den Teams diese Frage stelle, bekomme ich immer dieselben Antworten:

  • „Damit wir wissen, wie viel wir in einen Sprint packen können.“
  • „Damit wir messen können, wie viel Arbeit wir pro Sprint schaffen.“
  • „Weil man das in Scrum so macht.“ (was übrigens so nicht stimmt)

Der wahre Zweck des Schätzens ist allerdings ein ganz anderer:

Das Schätzen von User Stories regt die Diskussion über die Erwartungshaltung von den jeweiligen User Stories an! Es sorgt für ein gemeinsames Verständnis und dank Schwarmintelligenz dafür, dass nichts übersehen wird.

Zusätzlich gibt es drei Synergieeffekte, die das Schätzen noch effektiver macht:

  1. Wissenstransfer: Die Diskussion der Teammitglieder über mögliche Lösungen sorgt dafür, dass sie voneinander lernen können. Dabei ist allerdings wichtig, dass nicht nur die Experten reden, sondern dass alle auf Augenhöhe diskutieren. Selbst UXler können einem Backendler gute Impulse für die Lösung eines Problems geben.
  2. Bessere Lösungen: Durch eine offene Diskussion, in der auch ausgefallene Lösungsmöglichkeiten besprochen werden, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit einer besseren Lösung. Nichts ist schädlicher für die agile Arbeit als Entwickler, die in ihrem Trott immer das gleiche machen, ohne das eigene Handeln zu hinterfragen.
  3. Bessere Planbarkeit: Wenn dein Team die Diskussion führt, entwickeln sie ein Gefühl dafür, ob sie es schaffen, ob es mögliche Blocker gibt und welche Abhängigkeiten existieren, die die Bearbeitung blockieren könnten. Diese Abhängigkeiten werden von den Teammitgliedern aufgelöst und die User Story entsprechend angepasst.

Was musst du beim Schätzen beachten?

Beim Schätzen kann man sich wunderbar in nutzlose Diskussionen verstricken. Meine Lieblingsdiskussion ist folgende:

„Schätzen wir Aufwand oder Komplexität?“

Wer diese Frage stellt, hat agile Schätzmethoden noch nicht verstanden. Agile Schätzmethoden funktionieren nur dann gut, wenn es eine „Bauchentscheidung“ ist. Die Menschen sind besondere Wesen, bei denen das Unterbewusstsein viel schneller und teilweise Intelligenter ist als das Bewusstsein. Eine gängige Metapher, die Neuroexperten wie Daniel Kahneman oder Dr. Hans-Georg Häusel heranziehen, ist folgender:

Das Bewusstsein ist nur der Regierungssprecher, das Unbewusste die Regierung.

Was bedeutet das für uns?

Das Bewusstsein hat den einzigen Zweck, die Entscheidungen des Unterbewusstseins zu rechtfertigen. Die Entscheidung über die abstrakte Schätzung ist längst gefallen, wenn das Bewusstsein sich Gedanken über Komplexität, Aufwand, Risiken oder Abhängigkeiten macht. Diese Kriterien sind zwar wichtig, verfälschen aber durch die Rechtfertigungen des Bewusstseins die Schätzung.

Vielleicht kennst du das sogar: Du hast eine Schätzung abgegeben, hast die Kriterien beachtet, aber irgendwie fühlt sich die Schätzung nicht richtig an. Dann bist du genau in diese Falle getappt.

„Welche Schätzmethode nutzen wir?“

Story Points vs. T-Shirt-Größen? Hauptsache Planning Poker!

Die oben genannten Vorteile ergeben sich erst dann, wenn du Planning Poker durchführst, wie es gedacht ist. Der Prozess ist ganz einfach.

  1. Eine Story wird vorgestellt. Verständnisfragen geklärt und. die Story bei Bedarf angepasst.
  2. Jeder nimmt sich verdeckt eine Karte mit dem Schätzwert heraus, bei der er denkt, dass das eine valide Schätzung ist.
  3. Alle decken gleichzeitig ihre Schätzung auf.

Wenn alle den gleichen Schätzwert gezogen haben, dann ist alles fein. Falls nicht, wird besprochen, wie die jeweilige Schätzung zustande kommt. Dabei geht es nicht darum einen Konsens zu finden oder einen Durchschnittswert. Das wäre fatal. Stattdessen geht es darum, das Verständnis der Story weiter zu verfeinern, bis alle sagen, dass sie den Schätzwert mittragen können.

Aus den Schätzungen für die Zukunft lernen

Viele Teams gehen sehr mechanisch vor: Sie schätzen ihre Stories, setzen sie um und … dann passiert nichts. Sie übersehen den wichtigsten Aspekt agiler Arbeit: Inspect and Adapt. Falsche Schätzungen helfen dabei, zu lernen. Sie schaffen eine Messbarkeit Dadurch ergibt sich die einmalige Chance, rückblickend zu schauen, wie gut die eigene Schätzung war und damit Erfahrung zu sammeln.

Drei gängige Fehler beim Schätzen

  1. Referenzstory: Die Suche nach einer Referenzstory gestaltet sich in der Regel als schwierig. Aber sie ist nicht nur schwierig, sie hat den gleichen, negativen Effekt wie die Diskussion über Aufwand vs. Komplexität. Stattdessen solltest du auf das Bauchgefühl setzen, da trotz aller Formalisierung und Standardisierung das Bauchgefühl am Ende immer zum Tragen kommt.
  2. Durchschnitt nehmen: Wer bei den Schätzungen den Durchschnitt nimmt, bekommt genau das: den Durchschnitt. Der Durchschnitt ist allerdings immer falsch. Es geht darum, das Unbekannte mit der Schätzung möglichst gut abzubilden, nicht darum, irgendeinen Wert hinzuschreiben. Viel besser ist es, sich die Zeit zu nehmen, das Planning Poker bis zum Ende zu spielen. Der Wissenstransfer und die Einwände sind unbezahlbar und zahlen sich am Ende doppelt und dreifach wieder aus.
  3. Die Experten entscheiden lassen: Die Experten haben meist ein Problem. Den eingeschränkten Blick. Sie haben eine sehr subjektive Meinung. Das dumme an subjektiven Meinungen ist, dass sie individuell für diese Person richtig sein mag, für den Rest des Teams aber auf jeden Fall falsch. Damit bekommt man sehr ungenaue Schätzwerte. Außerdem haben viele Experten das Problem, dass sie aus Erfahrung Annahmen treffen, die aber nicht der Realität entsprechen. Deshalb sind der Input und die Fragen der anderen so Wertvoll.

Fazit

Schätzen bringt dir nur dann einen Wert, wenn du dir klar machst, dass Schätzung keine Wissenschaft ist und auch Erfahrung kein Garant für valide Schätzungen ist. Schätzungen versuchen das unmögliche zu erreichen: In die Zukunft blicken und die Arbeit quantifizierbar machen. Das funktioniert nicht mit mathematischen Ansätzen und auch nicht mit klar definierten Kriterien. Jedes Team muss es individuell lernen. Jede Veränderung im Team erzeugt eine Veränderung der Schätzungen.

Der Hauptvorteil ist dabei: Das Team gewinnt mit der Zeit Sicherheit darin und kann immer bessere Vorhersagen machen, wie viel sie in einem Sprint erreichen können und wo Fallstricke lauern, die man als einzelner übersehen würde.

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